Massenkommunikation

Massenkommunikation,
 
umfassender Begriff für die Voraussetzungen, Institutionen, Formen und Folgen der gesellschaftlichen Kommunikation in einer u. a. durch Technik, Wissenschaft und Wirtschaft entwickelten und funktional differenzierten Gesellschaft. Im Unterschied zu einem direkten, von Einzelpersonen oder sozialen Gruppen getragenen Austausch von Informationen hebt Massenkommunikation darauf ab, dass Informationen mithilfe technischer Mittel zentral beziehungsweise öffentlich an ein breites, ja unübersichtliches, anonymes (Massen-)Publikum weitergegeben werden (Massenmedien). Die Entstehung der Massenkommunikation ist so einerseits an die Fortentwicklung technischer Möglichkeiten der Informationsübertragung gebunden, andererseits nimmt sie Bezug auf den sich seit dem 19. Jahrhundert vollziehenden sozialen Wandel, in dessen Verlauf immer weitere Kreise der Bevölkerung zu Adressaten von Massenkommunikationsangeboten wurden. Neben der Werbung und der Attraktivität des Hörfunks weckten in der Zwischenkriegszeit v. a. die Erfahrungen mit den politischen Möglichkeiten der Massenkommunikation (kommunistische und faschistische Massenmobilisierung in Europa unter Einsatz der Massenkommunikationsmittel) in den USA das Forschungsinteresse an Massenkommunikation. Nach einer 1948 von H. D. Lasswell geprägten Formel lässt sich die Untersuchung der Massenkommunikation in die Bereiche Kommunikator (Sender, Vermittler), Inhalt, Empfänger, Medien, Formen des Kommunikationsprozesses und Wirkungen der Massenkommunikation einteilen; besondere Aufmerksamkeit finden dabei neben der politischen Einflussnahme auf und durch Massenkommunikation und den wirtschaftlichen Verflechtungen der Akteure die indirekten Botschaften und Konsequenzen der Massenkommunikation sowie die Fragen der Gruppenabhängigkeit und Netzwerkbezogenheit öffentlicher Kommunikation. In systemtheoretischer Perspektive spielt Massenkommunikation besonders als Möglichkeit der Reduktion von Komplexität und als Vorstrukturierung von Entscheidungen eine wichtige Rolle (N. Luhmann).
 
Hatte Massenkommunikation in demokratietheoretischer Hinsicht (Öffentlichkeit als »vierte Gewalt«) immer schon große Bedeutung, so nimmt sie auch in der Entwicklungsländerforschung einen wichtigen Stellenwert ein und findet als Indikator für politische, wirtschaftliche und soziale Strukturen im Rahmen der Umbruchsprozesse in Europa seit 1989/90 Beachtung. Unter einer postmodernen Perspektive (»Entdinglichung des Sozialen«, B. Giesen) wird besonders der gesellschaftlich organisierte »Markt der Meinungen« und die massenmediale Konstruktion von Realitäten thematisiert. (Kommunikationswissenschaft, Medienforschung)
 
 
M. Eine Langzeitstudie zur Mediennutzung u. Medienbewertung, hg. v. K. Berg u. M.-L. Kiefer, auf mehrere Bde. ber. (1978 ff.);
 G. Maletzke: Psychologie der M. (31979);
 A. Silbermann: Hwb. der M. u. Medienforschung, 2 Bde. (1982);
 H. Gibas: Pädagogik der M. Grundlagen - Anregungen - Forderungen. (1985);
 D. McQuail: Mass communication theory (London 21987);
 
M. Theorien, Methoden, Befunde, hg. v. M. Kaase u. a. (1989);
 B. Giesen: Die Entdinglichung des Sozialen. Eine evolutionstheoret. Perspektive auf die Postmoderne (1991);
 P. Hunziker: Medien, Kommunikation u. Gesellschaft. Einf. in die Soziologie der M. (21996);
 M. Jäckel: Wahlfreiheit in der Fernsehnutzung. Eine soziolog. Analyse zur Individualisierung der M. (1996);
 
Publizistik, M., hg. v. E. Noelle-Neumann u. a. (Neuausg. 10.-13. Tsd. 1996).

Universal-Lexikon. 2012.

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